ein lachender Junge sitzt im Rollstuhl neben seiner Therapeutin
Bericht: SRH Stephen-Hawking-Schule

Laura startet an der SRH Stephen-Hawking-Schule durch

Die SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd begleitet körperbehinderte Schüler seit über 40 Jahren bis zu ihrem Schulabschluss. Laura besucht die Privatschule, in der Schüler mit und ohne Körperbehinderung von der Grundschule bis zum Gymnasium gemeinsam lernen, seit zehn Jahren. Ihr großes Ziel hat sie bereits vor Augen: In diesem Jahr möchte die Rollstuhlfahrerin ihr Abitur machen.

Voneinander und miteinander lernen

Pünktlich um 16.10 Uhr läutet die Schulglocke. Die Schule ist aus, aber nicht alle Schüler fahren heute nach Hause. Über 220 körperbehinderte Schüler leben unter der Woche im Internat der SRH Stephen-Hawking-Schule. Eine dieser Schülerinnen ist Laura, die wegen einer schweren Nervenerkrankung den Großteil des Tages liegend im Bett verbringen muss. Seit zehn Jahren lebt sie in dem inklusiven Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung in Neckargemünd.

Bereits in den 1970er Jahren wurde die Privatschule gegründet. Damals verfolgte man das Ideal, vor allem den vielen durch das Medikament Contergan geschädigten Menschen eine angemessene Schulausbildung zu ermöglichen. Der Geist der Gründerzeit wird bis heute gelebt. Dank einer modernen technischen Ausstattung und der Einbindung von Pflege und Therapie in den Schulalltag können Schüler auch mit einer starken körperlichen Behinderung am Unterricht teilnehmen. „Wegen meiner Behinderung ist das Abitur für mich unverzichtbar, um Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. In der Stephen-Hawking-Schule kann ich das erreichen, weil Pflege und Therapie in den Schul- und Internatsalltag eingebunden sind“, sagt die selbstbewusste 20-Jährige. In den 1990er Jahren hat sich die Schule auch für nicht behinderte Schüler geöffnet. Im Sinne der „umgekehrten“ Inklusion profitieren alle vom gemeinsamen Lernen und einer starken Gemeinschaft.

Schulischer Erfolg durch Rücksichtnahme

Laura hat sich für den Besuch des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums entschieden. „Ich interessiere mich für Menschen und das Zusammenleben“, sagt sie. Das Abitur an der SRH Stephen-Hawking-Schule ist staatlich anerkannt. Wer das Allgemeinbildende Gymnasium, das Sozialwissenschaftliche oder das Wirtschaftsgymnasium erfolgreich abschließt, kann an jeder Universität in Deutschland ein Studium beginnen.

Für viele Schüler, die an einer Regelschule wegen ihrer Behinderung keinen höheren Bildungsabschluss erreichen können, ist dies ein besonderer Anreiz. So auch für Laura: „Ich muss viel lernen, aber unsere Lehrer nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse und Erkrankungen der Schüler.“ Die Klassenräume sind digital und mit der modernsten Technik ausgestattet. Schüler, die längerfristig nicht am Unterricht teilnehmen können, haben die Möglichkeit, sich online über ein spezielles Computerprogramm in das Klassenzimmer einzuschalten. So werden sie live mit den Unterrichtsmaterialien und den Informationen des Lehrers versorgt. „Etwa ein Drittel des Schultags bin ich im Klassenzimmer. Die restliche Zeit schalte ich mich mit einer speziellen Software live in den Unterricht ein und kann quasi von meinem Bett aus lernen“, fügt Laura hinzu, die täglich nur ein paar Stunden in ihrem E-Rolli sitzen kann.

Die SRH Stephen-Hawking-Schule bietet weit mehr als Lernen und Unterricht. In der Ganztagsschule können Schüler sich gesellschaftlich engagieren, Sport treiben oder in einer der vielen AGs einem Hobby nachgehen. Das Besondere: Alles ist barrierefrei. Zu den wichtigsten Prinzipien der Schule zählt es, alle Schüler mitzunehmen und niemanden auszuschließen. „Bei meiner letzten Klassenfahrt waren wir in Köln“, erzählt Laura. „Leider ist der Nahverkehr dort nicht ganz barrierefrei. Wir mussten mit unseren Rollstühlen quasi in die Straßenbahn springen. Trotzdem hat es viel Spaß gemacht.

Leben in einer Gemeinschaft

Das Internat der SRH Stephen-Hawking-Schule beherbergt körperbehinderte Schüler von der fünften Klasse bis zum Abitur. Viele von ihnen kommen aus ganz Deutschland. Da nicht alle Schüler an jedem Wochenende heimfahren können, bemühen sich die Erzieher und Pfleger, eine vertraute Umgebung zu schaffen. „Bei den jüngeren Schülern sind die Erzieher unter der Woche oft Familienersatz und sie beschäftigen sich viel mit den Kindern. Wir Älteren haben mehr Freiheiten. Nach der Schule gehe ich gerne mit Freunden nach Heidelberg zum Einkaufen oder ins Kino.“ Laura lebt in der Wohngruppe 11.2 in Haus 12. Sie hat ihr Zimmer mit vielen Büchern eingerichtet. Das Internat ist für sie zu einem zweiten Zuhause geworden.

Neben dem Erleben der Gemeinschaft und Geborgenheit zählt die Anleitung zur Selbstständigkeit zu den wichtigsten Prinzipien des Internats. Die Pfleger leiten zu einem möglichst selbstständigen Umgang mit dem eigenen Körper an, damit die Schüler nach dem Abschluss ihr Leben möglichst eigenständig gestalten können. In den 16 Wohngruppen werden sie an Haushaltsaufgaben herangeführt und regelmäßig wird gemeinsam gekocht.

Von der Dachterrasse ihrer Wohngruppe blickt Laura über die Dächer Neckargemünds. Für die Zeit nach dem Abitur hat sie große Pläne. Für eine Ausbildung zur Moderatorin will sie in die Bundeshauptstadt ziehen: „Berlin ist meine Stadt. Bei meinen Besuchen habe ich sie kennen und lieben gelernt. Dank des barrierefreien öffentlichen Nahverkehrs kann ich mich dort frei bewegen.“