ein trauriger Arzt lehnt mit dem Kopf an einer Glasscheibe
Unterstützung beim Verdacht auf einen Behandlungsfehler

Unterstützung beim Verdacht auf einen Behandlungsfehler

„Was fehlt Ihnen?“ fragt der Arzt. „Gesundheit!“ Die Antwort zu Beginn der Behandlung trifft in manchen Fällen leider auch auf die Zeit nach der Behandlung zu - sei es, dass die Therapie nicht von Erfolg gekrönt war, Komplikationen aufgetreten sind oder ein Behandlungsfehler vorgefallen ist. Für viele Patienten ist das sehr schwierig, das zu unterscheiden.

Unterstützung bieten

  • Patientenfürsprecher und Ombudsmänner/-frauen des jeweiligen Bundeslandes
  • die Unabhängige Patientenberatung
  • Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Landesärztekammern
    Das kostenlose Verfahren ist daran geknüpft, dass der Fall noch nicht vor Gericht ist und nicht länger als fünf Jahre zurückliegt.
  • Krankenkassen
    Krankenkassen sind gesetzlich verpflichtet, den Versicherten bei vermuteten Behandlungsfehlern zur Seite zu stehen. Sie arbeiten dabei eng mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) zusammen.

In 2017 erreichten 11.100 Anträge von Patienten, die einen Behandlungsfehler vermuteten, die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern. Diese erstellten in 2017 7.307 Gutachten. Die Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) begutachteten im selben Jahr 13.519 Fälle. Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen attestierten in 24,4 % der Fälle, dass ein Behandlungsfehler vorlag. Die Quote beim MDK lag bei 24,7 %. Bei 3,5 % der Behandlungs­fehler konnten auch die Experten nicht klar erkennen, ob der gesundheitliche Schaden in einem direkten Zusammenhang mit dem Behandlungsfehler steht. Das ist eine Voraussetzung für Schadens­ersatzansprüche und sehr häufig die Frage, um die es sich vor Gericht dreht.

Was ist nun unter einem Behandlungsfehler zu verstehen?

Kein Heilberufler kann den Behandlungserfolg garantieren oder darf ihn versprechen. Das gilt sowohl für Ärzte als auch für Psychotherapeuten und Heilpraktiker.

So können Komplikationen auftreten, ohne dass ein Verstoß gegen die Regeln der Kunst vorliegt. Allerdings sind Patienten bzw. die Eltern minderjähriger Patienten über mögliche, unerwünschte Folgen oder Nebenwirkungen vor der Behandlung aufzuklären. Das Patientenrechtegesetz schreibt hierfür ein persönliches Gespräch vor. Schriftliche Informationen allein reichen nicht aus. Zudem bestehen normierte Dokumentationspflichten. Erleidet ein Kind beispielsweise einen Impfschaden, muss aus der Patientenakte hervorgehen, dass die Eltern über diese mögliche Komplikation informiert wurden und trotzdem der Impfung zugestimmt haben. Lehnen die Eltern Minderjähriger eine Therapie ab, darf diese nicht durchgeführt werden. Notfallsituationen, die umgehendes Handeln erfordern, sind ggf. anders zu beurteilen. Fehlt die Aufklärung über eventuelle Risiken und kommt es zu einem Gesundheitsschaden, liegt ein Aufklärungsfehler vor. Diese Art der Behandlungsfehler rangiert laut Bundesärztekammer auf Platz 3.

Platz 2 in der Behandlungsfehlerstatistik der Bundesärztekammer belegen Befunderhebungsfehler: Der Arzt hat eine falsche Diagnose erhoben oder notwendige Untersuchungen für eine korrekte Diagnosestellung nicht durchgeführt und hat deshalb eine falsche Therapieentscheidung zum Nachteil des Patienten getroffen. Sollte beispielsweise eine fehlende Röntgenaufnahme nach einem Sturz zur selben Behandlungsmethode und zum selben Ergebnis führen wie eine korrekte Diagnosestellung, liegt kein Schaden und damit auch kein Behandlungsfehler vor.

An erster Stelle rangieren die Therapiefehler. Selten ist der Fall so klar wie bei einer Verwechslung von rechts mit links. Um die oft komplexen Sachverhalte aufzuklären, benötigen Betroffene ein Gutachten. Private Gutachter kosten die Betroffenen einiges an Geld. Krankenkassen und Gutachterkommissionen/ Schlichtungsstellen bieten kostenlose Gutachten an.

Unterstützung durch die Krankenkasse

Die Krankenkassen sind nach § 66 SGB V verpflichtet, Ihre Versicherten bei der Verfolgung von Schadensersatzansprüchen durch Behandlungsfehler zu unterstützen.

"66 SGB V - Unterstützung der Versicherten bei Behandlungsfehlern

Die Krankenkassen sollen die Versicherten bei der Verfolgung von Schadensersatzansprüchen, die bei der Inanspruchnahme von Versicherungsleistungen aus Behandlungsfehlern entstanden sind […], unterstützen. Die Unterstützung der Krankenkassen nach Satz 1 kann insbesondere die Prüfung der von den Versicherten vorgelegten Unterlagen auf Vollständigkeit und Plausibilität, mit Einwilligung der Versicherten die Anforderung weiterer Unterlagen bei den Leistungserbringern, die Veranlassung einer sozialmedizinischen Begutachtung durch den Medizinischen Dienst nach § 275 Absatz 3 Nummer 4 sowie eine abschließende Gesamtbewertung aller vorliegenden Unterlagen umfassen. Die auf Grundlage der Einwilligung des Versicherten bei den Leistungserbringern erhobenen Daten dürfen ausschließlich zum Zwecke der Unterstützung des Versicherten bei Behandlungsfehlern verwendet werden."

 

Wenn Eltern vermuten, dass die gesundheitlichen Probleme ihres Kindes auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen sind, können sie ihre gesetzliche Krankenkasse ansprechen. Sind sie bei unterschiedlichen Kassen Mitglied, sollten sie sich an die wenden, wo das Kind versichert ist. Als erstes wird ein Mitarbeiter der Krankenkasse den Sachverhalt aufnehmen. Das kann – je nach Verfahrensabläufen und Organisation – im Kundencenter oder durch ein zentrales Behandlungsfehlermanagement erfolgen. Benötigt werden folgende Informationen:

  • Welche Behandlung wurde durchgeführt?
  • Wo und von wem?
  • Wann ereignete sich der vermutete Behandlungsfehler?
  • Welche Folgeschäden sind eingetreten?

Jeder Patient hat ein Einsichtsrecht in seine Akte. Wenn die Eltern des betroffenen Kindes eine Schweigepflichtentbindungserklärung unterschreiben, erlauben sie der Krankenkasse, dieses Recht stellvertretend für sie bzw. ihr Kind wahrzunehmen. Der Krankenkassenmitarbeiter kann somit von den beteiligten Leistungserbringern (Ärzten, Krankenhäusern, Pflegediensten etc.) die Dokumentation und die Befunde anfordern. In manchen Fällen entstehen noch Diskussionen, ob die Akte nur persönlich eingesehen werden darf oder eine Aufwandsentschädigung für die Kopien anfällt. Üblicherweise kümmern sich die Krankenkassen hierum, so dass die betroffenen Familien nicht damit belastet werden.

Sollten die Eltern bereits alle Dokumente oder bildgebenden Befunde gesichert haben, können sie sie direkt der Krankenkasse zur Verfügung stellen. Bei bildgebenden Verfahren wie Röntgen oder MRT erhalten die Patienten heutzutage eine CD oder DVD. Ideal ist es, wenn diese Befunde bei der Krankenkasse eingelesen werden können und die Eltern die Originale wieder mitnehmen können. Jede Krankenversicherung hat jedoch eigene Abläufe und technischen Möglichkeiten, weshalb sich ein vorheriger Anruf anbietet.

Liegen alle Unterlagen vor, leitet die Krankenkasse diese an den MDK weiter und bittet um ein Gutachten. In manchen Fällen ergeben sich weitere Fragen oder der Gutachter benötigt zusätzliche Befunde. Auch hier kümmert sich eine serviceorientierte Krankenkasse darum.

Wegen der Vielzahl von Fällen und deren Komplexität kann die Beurteilung beim MDK-Gutachter mehrere Monate dauern. Am Ende steht jedoch die Antwort, ob es ein Verstoß gegen die Regeln der Kunst war. Das Gutachten ebnet den Weg, Schadensersatzansprüche geltend zu machen. Hierbei empfiehlt es sich, die Expertise von Rechtsanwälten hinzuzuziehen, die auf Behandlungsfehler und Patientenrechte spezialisiert sind.

Anke Wieseler
Krankenkassen-Betriebswirtin