traurige Ärztin sitzt an einem Laptop, den Kopf auf die Hand gestützt
Behandlungsfehler-Gutachten der MDK

Behandlungsfehler-Gutachten der MDK:

In jedem 5. Fall ein fehlerbedingter Schaden

War ein Behandlungsfehler die Ursache? Hätte man das alles vermeiden können? Diese Fragen stellen sich Eltern regelmäßig, wenn Kinder im Zusammenhang mit einer Behandlung geschädigt wurden. Es bestehen oft drei große Wünsche:

Erstens möchte man verstehen was geschehen ist, warum eine Situation jetzt so ist, wie sie ist. Sofern ein Behandlungsfehler nachweislich Leid verursacht hat, besteht das Recht auf Entschädigung. Damit ist, zweitens, der Wunsch verbunden, das Leben des Kindes und der betroffenen Familie zu erleichtern. Drittens soll sich der Fehler nicht wiederholen können. Durch Lernen aus dem Fehler möchte man andere schützen. Das Ereignis würde damit einen gewissen „Sinn“ erhalten.

Diese drei Wünsche, verstehen – erleichtern – schützen, spielen bei Patientenrechten und Patientensicherheit eine zentrale Rolle und in diesem Zusammenhang findet die Behandlungsfehler-Begutachtung der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) statt.

Der Faktor Mensch

Der Mensch ist keine Maschine – weder als Patient noch als Behandler. Deshalb ist einerseits die exakte Vorhersage des Behandlungserfolges oder Krankheitsverlaufes selten möglich, andererseits geschehen Fehler. Ein Gesundheitsschaden kann als Komplikation oder Nebenwirkung auch bei oder trotz fachlich korrekter Behandlung entstehen. Schäden können genauso durch das unabwendbare Fortschreiten einer Erkrankung oder durch Fehler in der Behandlung bedingt sein. Wo in einem speziellen Fall die Ursache eines Gesundheitsschadens liegt, das ist für Laien oft unmöglich zu ergründen. Was also ist zu tun?

Zuerst sollte immer mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt gesprochen werden. Vielfach kann damit der oben zuerst genannte Wunsch, das Verstehen, bedient werden. Sollte ein Gespräch nicht zufriedenstellend verlaufen und sich sogar ein Fehlerverdacht erhärten, dann ist die Krankenkasse ein wichtiger Ansprechpartner.

Krankenkasse beauftragt MDK-Gutachten

Seit dem Patientenrechtegesetz aus dem Jahr 2013 stehen die gesetzlichen Krankenkassen in der Pflicht, Betroffene zu unterstützen. Das ist in § 66 SGB V festgelegt. Dafür unterstützt die Krankenkasse zunächst darin, die Voraussetzungen für die medizinische Aufarbeitung zu schaffen. So fordert die Kasse im Auftrag der Versicherten die notwendigen Behandlungsunterlagen an oder hilft beim Erstellen eines Gedächtnisprotokolls zu Behandlungsabläufen und Beteiligten. Die Krankenkassen erteilen anschließend in der Regel dem MDK den Auftrag zur Begutachtung des vorgeworfenen Behandlungsfehlers. Im Jahr 2017 haben die 15 MDK in Deutschland 13.519 Behandlungsfehlergutachten erstellt. In den MDK widmen sich spezialisierte Gutachterteams den Fällen. Die Gutachter sind erfahrene Fachärzte des betreffenden Fachgebietes und häufig direkt beim MDK angestellt. Auch externe Ärzte werden vom MDK beauftragt, denn nicht immer kann die fachliche Expertise zu allen Fragen mit eigenen Ärzten sichergestellt werden. Die Begutachtung erfolgt neutral und unabhängig, für die Versicherten entstehen keine Kosten. In zwei Drittel aller Fälle liegt das Gutachten spätestens nach drei Monaten vor.

Haftungsansprüche bestehen nur dann, wenn der Behandlungsfehler, also das Abweichen vom anerkannten fachlichen Standard in der Behandlung, nachweislich einen Schaden verursacht hat. Drei Tatsachen müssen nachgewiesen werden: Aufgetretener Behandlungsfehler, Schaden und der ursächliche Zusammenhang dazwischen (Kausalität), der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit belegt sein muss. Ausnahmsweise kann sich zum dritten Punkt, der Kausalität, die Beweislast umkehren. Das ist z.B. der Fall, wenn es sich um einen groben Behandlungsfehler handelt, einen Fehler, der aus fachlicher Sicht nicht mehr nachvollziehbar ist. Auch bei einem Befunderhebungsfehler, wenn wesentliche Untersuchungen nicht vorgenommen oder veranlasst wurden, muss die Behandlerseite beweisen, dass der damit vorliegende Fehler dennoch nicht den Schaden verursacht hat. Zumeist liegt aber die gesamte Beweislast beim Patienten, was oftmals als unfair und unverhältnismäßig empfunden wird. Von Seiten des Patientenbeauftragten der Bundesregierung bestehen Bestrebungen, künftig für die Patienten eine Verbesserung zu erreichen in der Art, dass grundsätzlich nur eine überwiegende Wahrscheinlichkeit als Beweismaß dafür ausreichend ist, dass der nachgewiesene Fehler einen Schaden verursacht hat. Das wäre zu begrüßen, die Entwicklung bleibt abzuwarten.

Mit dem Gutachten des MDK wird klar, ob ein Fehler vorliegt, der Haftungsansprüche bedingt. Das war im Jahr 2017 in etwa jedem fünften Fall gegeben. Dann kann zusammen mit der Krankenkasse das weitere Vorgehen abgestimmt werden, typischerweise werden damit zunächst Ansprüche bei der Haftpflichtversicherung des Krankenhauses oder Arztes gestellt.

Die übrigen Gutachten sind nicht etwa nutzlos, weil daraus kein Haftungsanspruch abzuleiten ist. In drei Viertel aller Fälle kann zwar der Vorwurf nicht bestätigt werden, meistens weil kein Fehler vorliegt, aber auch das kann wesentlich zum Verständnis und zur Akzeptanz des Verlaufes beitragen.

Die MDK leisten so mit der Behandlungsfehler-Begutachtung in tausenden Fällen einen wesentlichen Beitrag zur Unterstützung der Patienten. Zum dritten der anfangs genannten Wünsche besteht jedoch in Deutschland Nachholbedarf. Das Lernen zum Schutz anderer aus besonders relevanten Fällen, die schwerwiegend und bestens vermeidbar sind, ist nicht auf dem Stand, wie man es sich für ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem wünscht. Zwar werden nirgendwo mehr Fälle begutachtet als beim MDK und die Transparenz dazu ist umfangreich. Dennoch bilden diese Fälle das tatsächliche Fehlergeschehen oder Entwicklungen bei der Patientensicherheit nicht repräsentativ ab. Abgesehen davon, dass die meisten Verdachtsfälle von Patienten selbst nicht weiter vorgeworfen und verfolgt werden, kommt es in zahlreichen Fällen ohne Beteiligung und Wissen der Krankenkassen zu Entschädigungen oder Verhandlungen vor Gerichten. Über diese Fälle besteht keine Transparenz. Vielfach handelt es sich gerade dabei um sehr eindeutige und bestens vermeidbare Fehler, die mit einer zeitgemäßen Sicherheitskultur gänzlich ausgeschlossen werden könnten. Die ableitbaren Erkenntnisse aber fehlen in Deutschland für die Prävention, denn auch ansonsten besteht keine Meldepflicht, was viele nicht wissen und nicht nachvollziehen können. Niemand kann seriös und wissenschaftlich haltbar nachweisen, wie die Entwicklung von Behandlungsfehlern und damit die der Patientensicherheit in Deutschland ist. „Jeder Fehler zählt“ und „jeder Fehler ist einer zu viel“ – solche Aussagen fallen fast immer im Zusammenhang mit dem Thema. Dennoch kann jeder Fehler erst zählen, wenn er vorher auch tatsächlich gezählt wird. Belastbare und repräsentative Daten zu Behandlungsfehlern, wie sie in vielen anderen Ländern bestehen, sollten endlich auch in Deutschland auf die Tagesordnung. Auch positive Entwicklungen würden erst damit sicher erkennbar und müssten nicht bloß vermutet oder behauptet werden.

Die Jahresstatistik zu den Begutachtungsergebnissen der MDK des Jahres 2017 und weitere Informationen erhalten Sie auf der Homepage des MDS (Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen) unter www.mds-ev.de

Autor: Priv.-Doz. Dr. med. Max Skorning, Leiter Patientensicherheit beim MDS