Craniosacral Therapie
„Der Rhythmus ist für mich der Grund der Dinge“ (Herbert von Karajan)
Im Fluss des Lebens: die Craniosacrale Therapie
Das Delphin- Netzwerk steht Familien mit behinderten Kindern in Deutschland beratend und unterstützend zur Seite und bietet fortlaufend Informationen über alternative Therapiemöglichkeiten, die besonders gut für Kinder geeignet sind. Auf den nächsten Seiten erhalten sie die Gelegenheit, mehr über die Craniosacrale Therapie zu erfahren: eine spezielle Form der sanften und ganzheitlichen Körperarbeit.
Haben Sie sich einmal Gedanken darüber gemacht welche Merkmale das Leben charakterisieren?
Neben Wachstum, Fortpflanzung und Stoffwechseltätigkeit ist es die Fähigkeit zur Bewegung. Zusätzlich zu den uns vertrauten körperlichen Rhythmen wie Atmung und Herzschlag wurde in unserem Körper ein weiterer, in sich autonomer und zweiphasigen Puls entdeckt: der craniosacrale Rhythmus. Er ist uns Menschen (wie auch den Wirbeltieren) angeboren und beträgt ca. 6-12 Zyklen in der Minute. Beobachtbar ist er ungefähr ab dem 5. Lebensmonat des Embryos im Mutterleib (vorher schwingt das Kind noch im Takt seiner Mutter) und besteht weiter bis einige Stunden nach unserem Tod. Das Besondere dabei ist, dass dieser Rhythmus im Gegensatz zu Atemfrequenz und Herzschlag immer gleich ist: egal, ob wir uns sportlich betätigen oder uns in Ruhe befinden, ob wir wach sind oder schlafen.
Methodisch her betrachtet gehört die Craniosacrale Therapie zu der Osteopathie, also der Lehre von Knochen (griechisch „os“ ) und Krankheit (griechisch „pathos“). Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet „Cranium“ „Schädel“ und „Sacrum“ „Kreuzbein“, das ist der untere Bereich der Wirbelsäule. In den vier Gehirnkammern (Ventrikeln) wird unsere „Gehirnflüssigkeit“ produziert, der so genannte „Liquor cerebrospinalis“: eine klare, flüssige Substanz. Ihr Zweck ist es, Gehirn und Rückenmark zu schützen, zu ernähren und schädliche Stoffwechselabbauprodukte unseres Körpers zu entsorgen. Der Liquor ist somit für uns lebenswichtig!
Da die Schädelnähte (Suturen) wie ein Gelenk funktionieren, also keine starre Verbindung zwischen den einzelnen Schädelknochen darstellen, lassen sie diesen einen gewissen Bewegungsspielraum, der durch den rhythmischen, wellenartigen Fluss des Liquors bestimmt wird. Ein Zyklus besteht dabei immer aus dem Wechsel zwischen einer Füllphase und einer Phase der Entleerung. Dieses An- und Abschwellen ist vergleichbar den Gezeiten des Meeres (Ebbe und Flut). Täglich werden etwa 500-700ml Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit aus unserem Blut heraus filtriert. Davon zirkulieren ca. 110 bis 170 ml beständig durch das craniosacrale System, indem es zwischen den beiden Polen „Cranium“ und „Sacrum“ hin und her gepumpt wird. Der so entstehende zarte Puls ist durch leichtes Auflegen unserer Hände in allen Geweben unseres Körpers tastbar.
Verändert wird dieser natürliche Fluss des Liquors durch Unfälle und Verletzungen, Operationsnarben, Geburtstraumen, Entzündungen, Krankheiten, Vergiftungen oder auchemotionale Störungen wie Depressionen. Dann ist der fühlbare Rhythmus z.B. an Intensität, Kraft und Auslenkung vermindert oder erscheint seitenungleich. Diese fehlende Bewegungs- bzw. Schwingungsfähigkeit hat Folgen für Körper, Geist und Seele, woraus sich unter anderem folgende Anwendungsgebiete und Indikationen für die Cranio-Sacrale Behandlung ableiten lassen (für Säuglinge, Kinder und auch Erwachsene):
Geburtstraumen (Frühgeburt, Kaiserschnitt) und Schädelverformungen (Zangen- oder Saugglockengeburt), Schiefhals, Schreikinder, Trink- und Saugprobleme beim Säugling, Hyperaktivität, Lern- und Konzentrationsstörungen, Sprachentwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Verdauungsstörungen, Schielen, Kopfschmerzen, Schwindel, Tinitus, Kiefergelenksstörungen, Gesichtsschmerzen (Neuralgien), Schluckstörungen, Sehstörungen, Nasennebenhöhlenentzündungen, Bandscheiben- und Wirbelsäulenprobleme, hormonelle Störungen, Lymphstauungen, Stress, Depressionen (z.B. im Wochenbett), Allergien.
Die Craniosacrale Diagnostik und Therapie erfolgt durch speziell ausgebildete Therapeuten, z.B. Osteopathen oder Heilpraktiker und erfordert genaue Kenntnisse in der Anatomie und Physiologie unseres Körpers. Zur Behandlung selbst gehört eine ausführliche Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese) mit Fragen zu Schwangerschaft, Impfungen, Geburt, Unfällen, Erkrankungen, Medikamenten etc. sowie eine körperliche Untersuchung (z.B. Fehlstellungen, Reflexe) und schließlich das manuelle Austesten des craniosacralen Rhythmusses durch das druckfreie Auflegen der Hände an verschiedenen Stellen des Körpers. Dabei ist der Patienten meist bekleidet, er kann sitzen oder liegen, Säuglinge können bequem auf dem Schoß der Eltern behandelt werden. Jegliche Störungen im Energiefluss sind für den geschulten Therapeuten genau zu spüren. Nach und nach wird er dann die Blockaden über bestimmte Griffe und manuelle Techniken sanft und positiv beeinflussen.
Wichtiges Ziel dabei ist, die Selbstheilungskräfte im Patienten zu aktivieren, damit er wieder in sein natürliches Gleichgewicht (zurück-)kommt oder – z.B. bei angeborenen Behinderungen- sanfte Entwicklungsimpulse erhält. Die Craniosacrale Therapie ist also ein Begleiten, auf Aufzeigen des Weges, mehr im Sinne eines ausgewogenen und achtsamen Dialoges des Therapeuten mit dem Körper des Patienten, ein Lauschen und gelegentlich ein sanftes Führen, aber kein Erzwingen. Die verschiedenen craniosacralen Grifftechniken insgesamt betrachtet umfassen die Beeinflussung von Schädel und Wirbelsäule, sowie der Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit, von Hirn- und Rückenmark und den Membranen.
Da der verbesserte Blutfluss das Gehirn und die inneren Organe belebt bzw. auch zur vermehrten Ausschüttung von Hormonen (unseren Botenstoffen) führen kann, kommt es durch die Arbeit am Körper oft gleichzeitig zu einer positiven Wirkung auf die psychische Verfassung.
Während der Behandlung kann es durch das Aktivierung des „Körpergedächtnisses“ des Patienten zu subjektiven Wahrnehmungen kommen wie Farben sehen, Geräusche hören, Erinnerungen an bestimmte Ereignisse im Leben, Wärmeempfindungen, auch Unruhe, Wiedererleben eines Unfalls etc. Oftmals aber wird einfach eine tiefe Entspannung erlebt. Es bietet sich in jedem Fall an, den Tag, an dem die Behandlung stattfand, ruhig ausklingen und die gesetzten Impulse nachwirken zu lassen.
Auch für den Behandler ist es eine zutiefst emotionale und faszinierende Erfahrung, den craniosacralen Lebens-Rhythmus des Gegenübers zu fühlen. Bezogen auf den jeweiligen Menschen sowie seine Tagesverfassung sind der mit aufgelegten Händen wahrnehmbare Bewegungsverlauf sowie der Rhythmus einzigartig.
Generell zeigen sich Kinder sehr empfänglich und offen für diese achtsame und behutsame Art der Kontaktaufnahme und Impulssetzung. Berührungsreize (taktile Reize) gehören zu unseren frühsten (basalen) Wahrnehmungsleistungen, denn wir fühlen bereits intensiv im Mutterleib. Daher eignet sich die Craniosacrale Therapie sehr gut als unterstützende Methode zur ganzheitlichen und liebevollen Entwicklungsförderung unserer Kinder.
Die Sitzungen selbst dauern je nach Aufnahmekapazität des Kindes/Patienten zw. 20-60 Minuten, die Abstände erfolgen nach Empfehlung des Therapeuten. Die Craniosacrale Therapie ist trotz ihrer Effektivität leider keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Gut kombinierbar ist sie mit anderen alternativen Behandlungsformen aus der Naturheilkunde wie beispielsweise der Homöopathie oder der Bachblüten-Therapie, aber auch mit therapeutischen Leistungen aus dem Heilmittelbereich wie Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie.
Die Craniosacrale Therapie kommt ohne jegliche technischen Hilfsmittel aus, sie ist eine Be-Handlung im wahrsten Sinne des Wortes, mit sehr tiefgreifender Wirkung und mit Vertrauen in die Kraft zur Selbstregulation unseres Organismus.
Es lohnt sich daher für alle Eltern mit entwicklungsverzögerten oder behinderten Kindern, sich über entsprechende Therapiemöglichkeiten und –angebote zu informieren und sich individuell für das weitere Vorgehen beraten zu lassen.
Tanja Rosenkranz,
Logopädin, Heilpraktikerin
Therapeuten finden
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